Dienstag, 21. Juli 2015

Girl on the Train - Paula Hawkins


Jeden Tag fährt Rachel mit dem selben Zug in die Stadt und da er fast jedes Mal für längere Zeit vor einem roten Signal halten muss, macht sie es sich zum Hobby, die Menschen in einem der Häuser an der Bahnstrecke zu beobachten. Jason und Jess nennt sie das junge Pärchen, das dort wohnt und dass sie heimlich um ihr scheinbar perfektes Leben beneidet. Eines Tages jedoch sieht Rachel Jess gemeinsam mit einem anderen Mann und ihre Märchenwelt bekommt ein paar Risse. Als Jess, die eigentlich Megan heißt, einen Tag später spurlos verschwindet, zersplittert Rachels Fantasiewerk komplett - vor allem, da sie sich plötzlich selbst inmitten all der Scherben wiederfindet, da sie wegen ihres Exmannes Tom in der betreffenden Nacht in Witney war, dem Ort, von dem Megan verschwand. Wäre sie doch bloß nicht so betrunken gewesen, dass sie sich an nichts mehr erinnern könnte - nicht einmal mehr an den Angriff, von dem die Platzwunde an ihrem eigenen
Kopf zeugt. So versucht sie nun, die Bruchstücke des Abends wie ein Puzzle zusammenzusetzen, wobei sie sich immer tiefer in ein Netz aus Lügen verstrickt, um Megans Umfeld erforschen zu können. Was sie dabei alles herausfindet, gefällt ihr jedoch nur wenig und bringt sie überdies langsam aber sicher in Gefahr...

Das Cover passt sehr gut zum Titel und zum Inhalt des Buches, da sowohl der Haupttitel als auch das Bild genau so verschwommen sind, wie man einen Zug im Vorbeifahren oder aber etwas, das man beim Blick aus einem fahrenden Zug sieht, wahrnehmen würde. Schlicht, aber gut gemacht, da es ein wenig außergewöhnlich anmutet und trotzdem eine Verbindung zum Titel aufweist.

Der Schreibstil der Autorin ist sehr leicht zu lesen und lädt dazu ein, das Buch in einem zu verschlingen. Zwar könnte in der Ausdrucksweise verschiedener Personen ein wenig variiert werden, um sie ein wenig mehr voneinander abzuheben, doch im Großen und Ganzen ist dieses Manko leicht zu verschmerzen.

Insgesamt wird die Geschichte aus drei verschiedenen Perspektiven erzählt, nämlich aus Rachels, Megans und Annas, der neuen Frau von Rachels Exmann. Megans Abschnitte beginnen dabei ein Jahr vor den eigentlichen Geschehnissen des Romans, wodurch man jede Menge Hintegrundinformationen über ihr Leben und Einblicke in ihren Charakter erhält. Auch durch Anna erfährt der Leser so einige Dinge, die Rachel niemals hätte herausfinden können.

Die Charaktere in diesem Buch sind vor allem eins: wirklich extrem. So hat Rachel ein alles beherrschendes Alkoholproblem und kann ihren Exmann einfach nicht loslassen, was sie teilweise geradezu abstoßend wirken lässt, während Megans Gegenwart so stark von ihrer Vergangenheit bestimmt wird, dass sie sich in Therapie begeben muss. Anna dagegen entpuppt sich als offenbar völlig gewissenlose Männerdiebin, für die sich alles nur um sie selbst und ihr Kind dreht, während Scott, Megans Ehemann ebenfalls keineswegs der Saubermann ist, für den rachel ihn immer gehalten hat. Dann gibt es dazu noch den zwielichtigen Therapeuten Dr. Kamal Adic und Rachels Exmann Tom, der zwei Gesichter zu haben scheint, zwischen denen er ständig wechselt. Diese Kombination an Charakteren lässt einen bald hinter jeder Figur einen versteckten Angrund erwarten, sodass man eigentlich gar nicht mehr damit rechnet, einer "normalen" Person zu begegnen, was einen nicht nur als Leser, sondern auch Rachel selbst, zunehmend in die Irre führt und Verdächtigungen aufstellen lässt, denn jedes Mal, wenn man glaubt, jemanden durchschaut zu haben, verhält dieser sich plötzlich völlig anders oder aber Rachel ein neuer Erinnerungsfetzen ein, der wieder alle Theorien durcheinanderwirbelt.

Durch den totalen Blackout, der sich nur sehr langsam füllen lässt, kommt zudem eine Menge Spannung auf, vor allem da Rachel selbst kaum unterscheiden kann, welche Erinnerungen wahr sein könnten und welche nicht und die Geschichten ihrer Mitmenschen sich zum Teil widersprechen. So kommt ein dauerhaftes Gefühl der Unsicherheit auf, dass sich auf den Leser überträgt und zum Miträtseln animiert.

Mich hat erstaunt, wie gut die Autorin den Leser bei der Stange halten kann, obwohl man sich nur schwerlich mit der Protagonistin (geschweige denn mit irgendwelchen anderen Charakteren) identifizieren kann und ihr für ihre Fehltritte manchmal am liebsten eine verpassen würde. Vermutlich ist es aber gerade dieser "Schocker"-Effekt, der einen zwar kopfschüttelnd, aber doch näher hinschauend, zurücklässt, weil man sich fragt, wie es so weit kommen konnte. So schafft Paula Hawkins es außerdem, genau das richtige Gleichgewicht zwischen der Darstellung seelischer Abgründe und der Spannungsgeschichte zu finden, was einen immer weiter lesen lässt, ohne das Buch aus der Hand legen zu wollen.

Insgesamt ist Girl on the Train also ein spannender Roman mit einer dicken Portion Psychothriller und hundertprozentig empfehlenswert. Endlich einmal wieder ein Buch, bei dem der entstandene Hype gerechtfertigt ist!


Seiten: 446


Originaltitel: The Girl on the Train
Autor/in: Paula Hawkins
Verlag: Blanvalet
ISBN: 978-3-76450-522-6
Preis: 12,99 Euro
Mein Dank für dieses Rezensionsexemplar geht an Was liest du? (www.wasliestdu.de) und an den Blanvalet-Verlag (www.randomhouse.de/blanvalet)!

1 Kommentar:

  1. Huhu!! :)

    Schön dass dir das Buch so gut gefallen hat! ^-^
    Ich habe es schon vor einigen Wochen auf englische gelesen und damals konnte es mich leider nicht so ganz packen. Es hat richtig tolle Elemente und war stellenweise auch sehr spannend aber es war für mich nicht so fantastisch wie es versprochen wurde. :/

    Alles Liebe,
    Jasi ♥

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