Samstag, 18. Januar 2014

Dornenherz - Jutta Wilke


Nachdem ihre Schwester Ruth gestorben ist, als sie Anna von einer Party abholen wollte, ist ihre Familie auseinandergebrochen und Anna fühlt sich, als ob auch ihr Leben mit Ruths Tod geendet hätte - bis sie beim Zeichnen von einer schwarzen Katze zu einer Engelsstatue auf dem Friedhof gelockt wird. Dort trifft sie den jungen Gärtner Phil, der sie als Einziger nicht mit ihrer Schwester vergleicht, weil er ihre Vorgeschichte nicht kennt. Schon bald verlieben sich die beiden ineinander, doch Anna ist mit Leon zusammen, da sie sich verpflichtet fühlt, ihn über Ruths Tod hinwegzutrösten und ihre Schwester als seine Freundin zu ersetzen. Auch ihre Eltern scheinen dies zu erwarten, obwohl nie direkt darüber gesprochen wird. Überhaupt hüllt sich jedes der Familienmitglieder in seinen eigenen Kokon aus Schweigen - der Unfallabend kommt nie zur Sprache, doch Anna wird das Gefühl nicht los, das etwas an ihrer Erinnerung nicht stimmt.
Parallel dazu wird in abwechselnden Kapiteln die Geschichte von Johanna erzählt, die den Familienfreund Leonard heiraten und gemeinsam mit ihm und ihrer Familie in die USA auswandern soll. Sie verliebt sich jedoch in den jungen Mann, der die Rosen für ihre Hochzeit liefert, einen gewissen Philip...

Die Parallelen zwischen den Handlungssträngen werden bereits an den Namen deutlich, aber durch die Engelsstatur, die Anna angeblich ähnlich sieht, wird eine weitere Verbindung geschaffen, denn einer Geschichte zufolge errichtete sie einst ein Rosengärtner nach dem Abbild seiner verstorbenen Geliebten. Durch die Ausstellung über die Auswanderer, an der Ruth vor ihrem Tod mitgearbeitet hat, werden die beiden Stränge schließlich zusammengeführt, denn im Museum entdeckt Anna das Foto eines Mädchens, das aussieht wie die Engelsstatue und außerdem eine Rose in der Hand hält. Ferner wird sie von Visionen eines sinkenden Schiffes übermannt und kann sich plötzlich erinnern, wie das Museum zu der Zeit war, als es noch als Auswandererbaracke diente.
Der letzte Satz, den Johanna in ihrem Leben hörte, bevor sie auf dem Schiff ertrank, hilft Anna in der Neuzeit, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Plötzlich kehrt ihre Erinnerung an Ruths Unfallnacht wieder, das kleine Detail, das alles verändert. Und endlich erkennt sie, welche Entscheidungen sie treffen muss, um wieder glücklich zu sein.

Der Schreibstil war sehr flüssig und einfach zu lesen. Besonders gefallen haben mir jedoch die Passagen mit Johanna, da dort die Sprache der Zeit angepasst wurde und deshalb etwas gediegener wirkte - davon hätte ich gerne mehr gehabt.

Dafür ist die Geschichte insgesamt emotional sehr einfühlsam geschrieben, was Anna, ihren in der eigenen Familie verwahrlosten Zustand und ihre Schuldgefühle angeht - als Leser erlebt man hautnah, wie sie mit sich ringt, wenn es um Gespräche mit ihren Eltern geht, erfährt, wie sehr sie in Leons Gegenwart mit sich und dem Geist ihrer Schwester, der überall präsent zu sein scheint, kämpft und ihren inneren Zwist austrägt.

Die Charaktere sind weitgehend rund, wenn Leon und Annas Mutter auch zuweilen ein wenig flach wirken. Annas Vater dagegen kommt am Ende wahrhaftig aus sich heraus, da er einen regelrechten emotionalen Ausbruch hat, den man ihm nach der anfänglichen Beschreibung niemals zugetraut hätte.
Vor allem die Protagonistin entwickelt sich wirklich weiter - endlich erkennt sie, dass sie ihre Schwester nicht ersetzen kann und auch nicht muss, sondern dass sie immer noch ein eigenes Leben hat, über das es zu bestimmen gilt.
Im Gegensatz zu Johanna (allerdings auch nur durch deren Geschichte) ist Anna in der Lage, ihr eigenes Glück in die Hand zu nehmen.
Dass Leon auch am Ende immer noch der Meinung ist, es könnte sich eine richtige Beziehung zwischen den beiden entwickeln, konnte ich als Leser allerdings wirklich nicht nachvollziehen (eigentlich auch nicht, dass die beiden es überhaupt versucht haben!) und habe mich gefragt, ob er denn überhaupt jemals über Ruth hinwegkommen wird.

In Anbetracht der Geschichte ist auch der Untertitel sehr gut und vor allem hoffnungsweisend gewählt.

Außerdem ist das Buch voll von schönen sprachlichen Bildern wie dem Rosenengel, dem Rosenmädchen, Rosenmeer und der Unterscheidung zwischen weißen und roten Rosen mit Hilfe der Mythologie!

Den Umschlag ziert ein hübsches Motiv, zwei gegenüberstehende Engel mit Rose, von denen nur einer auf das Hardcover aufgedruckt ist, der andere auf dem transparent-weißen Schutzumschlag (der sich ein bisschen wie Bügelpapier anfühlt). So entsteht der Eindruck, dass es zwei Ebenen gibt, die gemeinsam ein Ganzes bilden, genau, wie es auch im Buch der Fall ist. Das finde ich persönlich sehr gelungen und auch die Rosenblüten auf dem Hardcover sind eine nette Abwechslung zum üblichen tristen Leineneinband.

Insgesamt hat mir das Buch gut gefallen, auch wenn ich mir bei Johannas Teilen ein wenig mehr Ausführlichkeit gewünscht hätte und es in der Vergangenheit vielleicht noch ein Äquivalent zu Ruth hätte geben können, denn die Arme ist mir ein bisschen zu kurz gekommen - oder aber das Buch hätte dann einsetzen können, als sie noch gelebt hat, denn dann hätte der Leser sie besser kennenlernen und Annas Verlust noch ein wenig mehr nachfühlen können. Dann wäre es auch etwas länger geworden.

Seiten: 215
Originaltitel: -

Autor/in: Jutta Wilke
Verlag: Coppenrath
ISBN: 978-3-64961-370-1
Preis: 14,95 Euro

Vielen Dank an den Coppenrath Verlag (www.coppenrath.de) und Vorablesen (www.vorablesen.de) für das Freiexemplar!

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